Dieser Tage hört man aus einigen Städten Beschwerden über all zu ausgelassenes Karnevalstreiben. Selbst aus den Reihen der Aktiven häufen sich Berichte über Betrunkene, die gegenüber Funken und anderen Tänzerinnen jeden Anstand verlieren.
In unserer Gegend ist es wohl noch nicht so weit, dass Geschäftsleute, wie in Koblenz, ihre Schaufenster mit Bretterverschlägen schützen oder Tanzgruppen sogar auf der Bühne von Sicherheitstrupps umgeben sein müssen. Doch die Entwicklung scheint sich nach und nach auf immer kleinere Städte auszuweiten.
So gibt es jetzt in Bad Kreuznach und Koblenz Sicherheitszonen, die nur nach entsprechender Polizeikontrolle betreten werden dürfen. In den einen müssen sich alle sperren lassen, die alkoholisiert feiern wollen, in den anderen fliehen die, die von den Betrunkenen die Nase voll haben.
Ufert der Karneval aus?
In seinen Anfängen war die Fastnachtszeit ein Moment der Umkehrung. Jede Moral wurde in ihr Gegenteil verkehrt. Die Menschen schlüpften in andere Rollen. In einer Ständegesellschaft ein Spaß, der sehr tiefgreifende Bedeutung haben konnte. Wer in sein vorbestimmtes Leben hinein geboren wurde und keine Wahl hatte, konnte nur an diesen wenigen Tagen im Jahr ausprobieren, wie er als jemand anderer hätte leben können. Die Verkleidung war mehr als eine Maske. Die Lebensart des anderen, wie man sie sich vorzustellen vermochte, wurde angenommen. Auch Kritik an den oberen Ständen konnte nur so ausgesprochen werden. In der Verkleidung eines Geistlichen Alkohol und Frauen zuzusprechen war eine deutliche Aussage, wie sehr man an die Einhaltung der Keuschheitsgelübde glaubte.
Auch war der Karneval schon immer eine vergleichsweise sexualisierte Zeit. Die strengen Regeln mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Zusammenlebens ermöglichten es Jugendlichen kaum sich gegenseitig kennenzulernen. Einzig an Fastnacht war es erlaubt, dass Mädchen und Jungen gemeinsam feierten, ohne dass Etikette und Moral ihrem Verhalten die Ketten anlegten.
Heute dagegen ist der Alltag schon wesentlich freier, als damals das ausgelassene Karnevalstreiben. Wenn man will, sind Alkoholexzesse und sexuelle Kontakte fast an jedem Wochenende zu haben. Versteht man nun Karneval immer noch als Befreiung von moralischen Grenzen, ist es nur normal, dass Gewalt und Komasaufen in diesen Tagen nicht mehr wegzudenken sind. Die einzige Grenze, die für unseren Alltag noch umfassend gilt ist die, dass man am nächsten Tag noch in den Spiegel schauen möchte. Für viele ist dies schon zu wenig, weil nicht mehr vermittelt werden kann, welche Handlungen genau diese Grenze übertreten.
Die Exzesse, die im Mittelalter dazu beitragen sollten, die Leute im Alltag ruhig zu halten, waren den Staaten schon immer ein Dorn im Auge. Doch von der Kirche wurden sie lange geduldet, damit der Priester in der Fastenzeit umso strenger mit seinen Schäfchen ins Gericht gehen konnte. Schon in der frühen Neuzeit begannen Regierungen das Fastnachtstreiben in gesündere Bahnen zu lenken. Die ersten Karnevalsvereine wurden gegründet, um die umherziehenden Saufgruppierungen durch einen geordneten Karnavalsumzug im Zaum zu halten. Dies war nötig, weil die Ausgelassenheit der Narren selbst vor Mord und Vergewaltigung nicht mehr zurückschreckte. Auch heute scheint die Entwicklung wieder dorthin abzugleiten, weswegen in immer mehr Städten dem Exzess ein Riegel vorgeschoben wird.
Doch woran liegt es, dass immer mehr Feiernde nicht mehr erkennen, dass die Umstehenden Grenzen haben, die sie selbst an Karneval nicht überschreiten wollen? Möglicherweise verkennen viele in ihrem Spaß, dass auch in der paradoxen Welt des Karneval eine Bedeutung steckt. In unserer säkularen Welt ist zwar die Bedeutung des carne valé, Fleisch ade, sehr gesunken, doch die schon in der Antike gefeierte Zeit des Paradoxen, der Umkehrung, ist auch heute noch Bestandteil der Feierlichkeiten. Aber wir leben in einer Demokratie. Jeder gilt vor dem Staat gleich. Jeder darf sich für sein Leben die Rolle wählen, die ihm am meisten entspricht. Es gibt immer weniger Regeln, gegen die man rebellieren müsste. Dennoch fühlen sich viele bevormundet. Manche, weil sie nicht verstehen, dass es ein Minimum an Regeln einfach geben muss, damit Menschen friedlich zusammenleben können. Andere, weil ihnen die bestehenden Regeln zu weit über dem Minimum liegen. Doch eine Umkehrung der Gesellschaftsstrukturen kann sich nicht mit minimalen Regeländerungen befassen. Diese Umkehrung rüttelt an den Grundfesten einer Gesellschaft. Erst im Paradox des Karneval kann man deutlich erkennen, woran eine Gesellschaft krankt. Und dies ist nicht der übertriebene Alkoholgenuss. Auch nicht die lockere Sexualmoral. Dies wird im Karneval zwar exzessiv ausgelebt, doch hier findet keine Umkehrung der Sitten statt. Die eigentlichen Dionysien findet man heute ausgerechnet im geregelten Vereinsleben.
Die meisten und besten Feste werden von Freiwilligen organisiert, die für ihre Mühen nicht mehr als ein Dankeschön verlangen. In den Umzügen werden Kamelle und Getränke verschenkt. Die wenigen Verkaufsstände arbeiten mit Mühe kostendeckend. Besonders in ländlichen Gebieten ermöglicht nur die Begeisterung der aktiven Karnevalisten, dass ein ausgelassenes Treiben überhaupt stattfinden kann.
Und woher dann die Gewalt und die Übergriffe?
An Fastnacht rebelliert man gegen die Regeln, die man im Alltag verflucht. Auf Knopfdruck verordnete Fröhlichkeit in immer gleichen Kostümen spottet jeder Individualität. Es sagt sehr viel über die Menschen aus, wenn sie beim Alkohol ihr Level nicht mehr kennen wollen, wenn sie Tänzerinnen auf der Bühne als Freiwild betrachten wollen, wenn sie das Eigentum anderer nicht mehr respektieren wollen. Sie fühlen sich durch die Regeln des Zusammenlebens von der Erfüllung ihrer Wünsche abgeschnitten. Sie verstehen nicht, dass es Grenzen gibt, die nicht willkürlich von der Obrigkeit festgesetzt wurden. Diese Leute betteln geradezu um mehr Polizeigewalt, indem sie an Karneval demonstrieren, dass sie mit Freiheit nicht zurecht kommen.
Wollen wir hoffen, dass der Staat, wie schon im Mittelalter, beschließt diese Bitten nicht zu erhören.


Februar 15, 2010 um 3:13 pm
Das rechte Maß finden ist nicht nur im Karneval und im Umgang mit Alkohol wichtig…
Der Umgang mit Alkohol – und entsprechenden Entgleisungen – ist nicht nur Thema beim Fasching ist (vgl. Volksfeste, Oktoberfest, …).
Alkohol als “Opium fürs Volk”?